Christoph Sauer im Gespräch

Wir stellen ja nicht nur Produkte, Tutorials und Features über das Studio in unserem Blog vor, sondern möchten Euch auch regelmäßig besondere Leute aus unserer Community näher bringen.
Und jetzt alle Berliner aufgepasst, heute stelle ich Euch im Interview einen befreundeten Fotografen aus Berlin vor, der nicht nur tolle Fotos vornehmlich in schwarz-weiß macht, sondern auch – wie der Berliner sagt – ein dufter Kerl ist 🙂
Foto: © Christoph Sauer

Foto: © Christoph Sauer

 

Interview mit Christoph Sauer

    * Wer ist denn eigentlich Christoph Sauer?

Christoph Live und in Farbe

Zum Fotografieren bin ich relativ spät gelangt.
Ursprünglich komme ich von der Musik: Nach einem Musikwissenschaftsstudium in meiner Heimatstadt Mainz bin ich nach Berlin gegangen und habe dort zunächst als Singer-Songwriter gearbeitet. Nach wie vor trete ich mit Repertoire aus den „Goldenen Zwanzigern“ auf. Nur hat sich der Fokus inzwischen verschoben: In der kalten Jahreszeit arbeite ich vornehmlich als Sänger, in den Sommermonaten als selbständiger Hochzeitsredner für nichtkirchliche Trauungen. Mit dem „Verheiraten“ finanziere ich mir nicht nur zum Teil meine Fotografie, sondern komme dadurch auch viel herum, von Dubai bis nach Sankt Petersburg, so dass die Kamera auch auf Reisen immer dabei ist.

Dadurch kann ich mir aber zugleich den Luxus leisten, das zu fotografieren, was ich möchte und muss mich nicht von Likes und Followerzahlen abhängig machen.

Übrigens liegen für mich Musik und Fotografie gar nicht soweit auseinander, wie es auf den ersten Blick scheint: Auch ein gutes Foto ist im besten Sinn des Wortes „komponiert“: Da gibt es Rhythmus, Licht und Schatten, traurig und heiter, Stillstand und Bewegung.

 

    * Wen und was möchtest Du mit Deiner Fotografie erreichen?

Während ich in meiner Musik fast ausschließlich auf Deutsch singe, erreichen meine Fotos – nicht zuletzt dank des Internets – viel mehr Menschen.
Deshalb war es eine bewusste Entscheidung, die Website und auch meine Social-Media-Aktivitäten auf Englisch zu verfassen.
Gerade letzte Woche kommentierte jemand aus Hawaii eines meiner Bilder: „I love your photos!“ Das ist für mich das schönste Kompliment überhaupt.

 

Foto: © Christoph Sauer

Foto: © Christoph Sauer

  * Wie und wann bist Du das erste Mal mit Fotografie in Berührung gekommen und was war Deine erste Kamera?

Meine ersten Fotos habe ich zu Schulzeiten gemacht, als an Digitalfotografie noch nicht zu denken war.

Meine Mutter las regelmäßig Magazine wie die „Elle“ oder „Marie Claire“. Ich fand die Mädels auf den Covers toll, habe sie teilweise ausgeschnitten und in meinem Zimmer aufgehängt wie andere Schulkameraden Poster von ihren Lieblingsbands.

Irgendwann wollte ich das selber mal ausprobieren. Da mir aber kein Model zur Verfügung stand, habe ich kurzerhand meine Schwester überredet, mitzumachen. Und als Kamera nahm ich mir die Yashica FX-D meines Vaters. Das Set war notdürftig zusammengestellt: Schwesterherz saß auf einem Klavierstuhl, die zugezogene Gardine diente als Hintergrund und eine Klavierleuchte als einzige Lichtquelle. Tage später eilte ich zum Fotogeschäft, um meine entwickelten Meisterwerke abzuhholen – und wurde bitter enttäuscht: Leider hatte die Mitarbeiterin des Fotolabors beim Entwickeln die Negative falsch behandelt, so dass alle Bilder völlig überbelichtet und unbrauchbar waren. Danach habe ich das Fotografieren für mehr als zehn Jahre an den Nagel gehängt.

 

  * Wie würdest Du selbst Deinen fotografischen Stil beschreiben und in welchen fotografischen Genres bist Du unterwegs?

Irgendwann während des Studiums habe ich mir eine Digitalkamera gekauft. Eigentlich wollte ich damit Konzertmitschnitte und Making of-Videos für meine Sänger-Homepage machen. Aber irgendwann fing ich an, die Kamera als Fototagebuch zu nutzen und kleine Alltagsszenen festzuhalten.

So kam ich schließlich zur Streetfotografie und habe großen Spaß daran gefunden, dokumentarisch das Leben in der Stadt oder auf Reisen festzuhalten.
Schon vor Inkrafttreten der neuen Datenschutzverordnung Anfang diesen Jahres war es immer eine doppelte Abwägung, Fotos von Menschen ohne deren Wissen zu veröffentlichen. Aber jemanden vorher zu fragen, ob ich ein Foto von ihnen machen und das dann auch veröffentlichen darf, nahm mir den ganzen Reiz an der Sache. Denn die fotografierte Szene war dann ja nicht mehr echt bzw. authentisch.

So bin ich inzwischen bei der Porträtfotografie gelandet, die mir einfach am meisten Spaß macht. Angefangen habe ich mit Porträts von meiner damals sechsjährigen Nichte. Dann habe ich mir nebenbei etwas mit Fotos von Gesangsstudentinnen aus meinem ehemaligen Gesangsstudio verdient.

Gelegentlich gehe ich hier in Berlin auch zu Filmpremieren. Da ist Berlin natürlich das perfekte Pflaster. So ist auch eines meiner Lieblingsporträts entstanden, das war bei der Berlinale in diesem Jahr, als Bill Murray plötzlich vor mir stand und ich gerade noch den Auslöser drücken konnte, ehe er wieder in der Menge verschwand. Oder Michelle Hunziker, die meiner Kamera direkt in die Arme läuft. Auf dem Foto sieht es aus, als renne sie vor den wartenden Paparazzi davon. Dabei hatte sie einfach wenig Zeit und wollte schnell noch in der Fan-Zone ein paar Autogramme verteilen. Für das Foto habe ich auf Instagram nicht nur 1000 Likes bekommen, sondern sogar einen Kommentar von Michelle selbst: „I love that photo!!!“

Es sind hauptsächlich Frauen, die mich als Fotograf interessieren. Und damit tobe ich mich aus, egal ob als klassisches Porträt, als Fashion Shot oder seit einiger Zeit auch in der Aktfotografie. Gerade letztere ist für mich eine Königsdisziplin, weil hier der Grat zwischen „billig“ und „ästhetisch“ sehr schmal ist. Der professionelle und respektvolle Umgang mit dem Model ist eine Selbstverständlichkeit. Und bei meinen ersten Versuchen, bei denen ich so nervös war, musste mich das Model ermutigen und meinte: „Du musst mich schon anschauen“. Das löste sofort die Atmosphäre.

Und apropos: Humor ist für mich – übrigens in allen Genres der Fotografie – ein ganz wichtiger Aspekt: Unbefangen und auf Augenhöhe miteinander umzugehen, dabei kreativ zu sein und im Glücksfall aus vielen Stunden Fotosession den „einen“ magischen Moment zu schaffen, das ist das Faszinierende, egal in welchem Genre.

Foto: © Christoph Sauer

Foto: © Christoph Sauer

 

Foto: © Christoph Sauer

Foto: © Christoph Sauer

* Womit fotografierst Du heute?

Ich fotografiere auf Reisen meist mit APSC-Kameras von Fuji.
Seit einiger Zeit habe ich aber meine Liebe für das Mittelformat entdeckt. Auslöser war eine Ausstellung mit Bildern des Fotografen Vincent Peters in Berlin. Die Porträts hatten eine ungewöhliche Plastizität und 3D-Wirkung, als ob die Person im Raum stünde, und dass, obwohl die Fotos nicht immer scharf und oft auch grobkörnig waren. Wie die Ausstellungsleiterin mir erzählte, hatte er die Fotos mit einer analogen Mittelformat-Kamera gemacht, der Mamiya RZ 67 Pro 2.

Klar, eine Kamera zu besitzen, damit macht man nicht gleich Fotos wie ein Meister. Aber ich habe mir wenig später bei eBay diese Kamera geholt und bis heute nicht bereut. Die Fotos haben eine ganz eigene Anmutung. Und auch wenn manche behaupten, man sähe den Unterschied nur auf großformatigen Ausdrucken, finde ich, dass man den Unterschied zum sogenannten Kleinbild sieht, selbst wenn die Fotos nur auf Instagram erscheinen.

Konsequenterweise habe ich mir kurz danach eine digitale Mittelformat-Kamera (Fuji GFX50S) gebraucht zugelegt (anders wäre sie nicht zu bezahlen gewesen), die ebenso eine unfassbare Tiefe und Farbwirkung hat.

Und schließlich ist da noch eine Original Polaroid SX 70 Sofortbildkamera aus dem Jahr 1972. Die Farben haben eine komplett andere Anmutung als bei den aktuellen Remake-Modellen. Einziger Nachteil: Man braucht sehr viel Licht. Mein erster – missglückter – Versuch war ein Schnappschuss von einem meiner Models im Backstage-Bereich eines Studios. Die Arme sah auf dem Foto aus wie eine Alien-Frau unter Wasser, ohne Gesicht und mit überlangen Armen. Immerhin, sie nahm es mit Humor: „Man kann’s doch auch so sehen: Ist halt Kunst.“

 

  * Was ist Dein Lieblingsland oder –ort zum Fotografieren?
Ich will unbedingt nochmal nach Schweden und Norwegen. Nicht nur der Mädels wegen, sondern weil dort ein ganz besonderes Licht zu finden ist, das es hier in unseren Breitengraden nicht gibt. Aber auch Italien oder die Provence würde ich gern nochmal mit der Kamera bereisen.
Ach ja, Paris und New York stehen auch noch auf der Liste. Und natürlich Mykonos im Sommer, um Karlie King dort in ihrem neuen Studio zu besuchen. Es gibt also viel zu tun…

 

Foto: © Christoph Sauer

Foto: © Christoph Sauer

* Welcher Fotograf oder Künstler inspiriert dich?

Die Fotos von Peter Lindbergh haben mich immer besonders inspiriert, wegen der Natürlichkeit und Unverstelltheit und auch den meist wunderschönen Schwarzweiß-Tönen, mit denen Lindbergh seine Models zeigt. Mir gefällt an seinen Bildern auch, dass er die Gesichter nicht „totretouchiert“.

Um den fotografischen Horizont zu erweitern, gehe ich inzwischen mit großer Passion in Fotoausstellungen. Und da ist Berlin ein Glücksfall, da es hier gleich mehrere Häuser gibt, die regelmäßig tolle Ausstellungen haben: Ich bin Stammgast im Museum für Fotografie der Helmut Netwon Stiftung und gehe genauso gern ins „C/O Berlin“ unweit der Zoologischen Gartens oder auch die Galerie „Camera Work“ am Savignyplatz.

Irving Penn, aber auch Vivian Maier, Richard Avedon und eben Vincent Peters sind für mich Fotografen, die mich immer wieder aufs Neue inspieren. Ich kann da minutenlang vor einem Bild stehen und es analysieren.
Und sich dabei immer wieder bewusst zu machen, dass es auf ganz andere Dinge als maximale Schärfe und Pixel ankommt. Die großen Meister des Fachs sind Meister des Lichts und des richtigen Moments.

 

 * Gibt es ein Bild, dass Dir besonders am Herzen liegt? Warum?

Eines meiner Lieblingsbilder enstand vor Jahren in Berlin an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden. An der roten Ampel wartete eine ältere Dame mit ihrer Plastiktüte auf Grün. Sie stand da völlig regungslos, als ob jemand bei Netflix auf „Pause“ gedrückt hätte, während ringsum alles in Bewegung war: Hupende Autos, Menschen, die zum Brandenburger Tor strömten. Dieser Ruhepol inmitten des geschäftigen Treibens, das war großartig. Die durch eine relativ lange Belichtungszeit bedingte Bewegungsunschärfe nahm ich bewusst in Kauf, um diesen Gegensatz abzubilden. Jedesmal, wenn ich heute das Bild betrachte, sehe ich nicht nur die Menschen, sondern höre auch sofort wieder den vibrierenden Lärm der Großstadt.

Foto: © Christoph Sauer

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  * Wo finde ich Christoph?
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